Virtual Retinal Displays: Ich sehe was, was Du nicht siehst.

Di, Nov 10, 2009

Maschinen, Zukunft Autor: Rin Räuber

Mancher Artikel möchte gerne mit einem Science-Fiction-Vergleich begonnen werden. Am Liebsten mit einer eindrucksvollen Szene aus Star Trek, die uns bewusst macht, dass wir einige Zukunftsvisionen unserer Kindheit technologisch bereits eingeholt haben.
Andere Technologien hinken den Prophezeiungen ihrer Entwickler und den Erwartungen ihrer potentiellen Nutzer seit Jahren hinterher, kranken an Machbarkeit, Effizienz oder Kosten.

retinal image displayEin Beispiel für Letzteres sind Virtual Retinal Displays (VRDs), Projektoren, die ein Bild direkt auf die Netzhaut des menschlichen Auges zeichnen.
Neu ist weder das Konzept noch dessen Realisierung: Seit über fünfundzwanzig Jahren wird an der Entwicklung dieser Anzeigetechnologie gearbeitet – maßgeblich vorangetrieben vom US-Militär. Seitdem werden regelmäßig optimistische Prognosen und phantasievolle Aufzählungen möglicher Einsatzgebiete veröffentlicht; für Endanwender beschränkten sich die Ergebnisse bisher auf Pressemeldungen und Prototypen.

Glaubt man den jüngsten Ankündigungen von Brother und NEC, die beide an der Entwicklung tragbarer VRDs arbeiten, werden solche Systeme in zwei Jahren marktreif sein: NEC hat den Prototyp eines automatischen Übersetzers vorgestellt, der gesprochene Sätze erkennt und in Text und Ton in die Sprache des Nutzers überträgt. Brother wird laut eigener Aussage 2010 in kleinen Stückzahlen ein VRD für Business-Kunden produzieren.

medizinische Anwendung von Virtual Retinal DisplaysInteressant ist die Netzhautprojektion nicht als Ersatz des Desktop-Monitors, sondern vor allem für Augmented Reality-Anwendungen: Der Nutzer wird bei Tätigkeiten, die seine primäre Aufmerksamkeit erfordern, durch zusätzliche Informationen unterstützt. Beliebte Beispiele für professionelle Anwendungen sind 3D-Bilder, die Chirurgen bei Operationen mit einer Art “Röntgenblick” ausstatten, technische Schnittzeichnungen, Reparaturanweisungen und Navigationssysteme. Aber VRDs könnten auch herkömmliche Mobiltelefon-Displays überflüssig machen und eine neue Generation Videospiele ermöglichen.

Die grundlegende Technologie hinter den Netzhaut-Displays hat sich seit den ersten Modellen kaum verändert: Ein VDR arbeitet mit drei Laserdioden in den Grundfarben Rot, Grün und Blau. Deren Strahlen werden von einem sich mit hoher Geschwindigkeit bewegenden Spiegel auf die Netzhaut projiziert. So entsteht ein Bild, das auch bei hellem Umgebungslicht deutlich erkennbar ist. Brother verspricht für sein “Retinal Image Display” eine Auflösung von 600×800 Pixeln (SVGA) und einer Bildwiederholfrequenz von 60Hz.

Die dabei eingesetzten Laser sind so schwach, dass selbst bei einer Fehlfunktion des Geräts kein Risiko für die Netzhaut besteht. Der Energieverbrauch ist minimal. – Zusammen mit den kompakten Abmessungen beste Voraussetzungen, um die Bezeichnung “ultraportabel” zu verdienen.

Ausgereifte tragbare VRDs wären ein großer Schritt Richtung wearable computing: von stromfressenden Kisten mit Bildschirm zur unscheinbaren Allgegenwärtigkeit mobiler Miniatur-Rechner, vom blinkenden Cursor, der auf Eingaben wartet zur aktiven und kontextsensitiven Unterstützung des Nutzers.

Bleibt zu hoffen, dass wir bezahlbare VRDs für Privatanwender noch vor dem Beamen erleben.

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