Eine Notiz zu Öffentlichkeit und Privatheit

So, Jan 3, 2010

Menschen, Web Autor: Rin Räuber

is this thing on?
Meine zehnjährige Schwester ist bei ihrem ersten social network angemeldet. Als ich neulich versuchte, ihr etwas über den aufmerksamen Umgang mit den eigenen Daten zu vermitteln, entgegnete sie in fast vorwurfsvollem Ton, dass sie natürlich nicht ihren vollständigen Namen angegeben oder ein echtes Profilbild verwendet hätte. Nur auf den hochgeladenen Fotos ist sie zu sehen – “… und das können nur meine Freunde sehen, und die Bilder kann ich später mal alle löschen”, belehrte sie mich.

“We All Live in Public Now. Get Used To It.” titelte ein Blog-Beitrag von Erick Schonfeld neulich. Ganz so kontrovers wie der Titel war er nicht, aber immer noch kontrovers: Bisher sei ‘privat’ die Standard-Einstellung gewesen – im Internet wie im Leben. Das Veröffentlichen sei bewusst und aktiv geschehen. Das würde sich jetzt ändern, ‘öffentlich’ sei Vorgabe.

Tatsächlich sind die Datenschutz-Einstellungen von Facebook so komplex, dass mancher Benutzer vielleicht entschieden hat, es sei einfacher alles öffentlich zu machen – oder den Account zu löschen. Tatsächlich ist ein neuangelegter Twitter-Account per default öffentlich. Das wird aber niemanden, der online eine gewisse Anonymität wahren möchte, dazu bringen diese schulterzuckend aufzugeben. Unser Bild von Privatsphäre und unser Umgang mit ‘Privatem’ wandelt sich, das ist richtig – wie seit Jahrhunderten schon. Häkchen in ein paar Dutzend Checkboxen und dass ein paar Hunderttausend Nutzer das Internet an einem Großteil ihres Lebens teilhaben lassen, bedeuten weder das Ende der Privatsphäre noch eine Revolution. Darüber nachdenken wohin das führt und ob wir dort hinwollen lohnt sich trotzdem.

Der größere Teil der Menschen, die sich entscheiden ihr Leben öffentlich zu leben – und beim gegenwärtigen Stand der Technik bedeutet das übrigens immer noch selektiv öffentlich – tun das, weil sie es wollen. (Dafür gibt es übrigens eine ganze Reihe Gründe; für die meisten muss man sich nicht einmal schämen.) Der hoffentlich verschwindend kleine Rest tut es because they just don’t fucking care.

Die Anzahl von Menschen, die sich so mitteilen wächst momentan, weil die Technologie zugänglicher und bedienbarer wird. Ein Foto hochladen, ein Status-Update verfassen, den eigenen Standort veröffentlichen – ist in weniger als zehn Sekunden erledigt, und dabei kann man gleichzeitig einen Kaffee trinken und eine Unterhaltung führen. Trotzdem: Auch wenn in zwei bis drei Jahren der Großteil der Menschen in Deutschland ein Smartphone besitzt, werden sie deswegen nicht alle twittern, ihre Fotos öffentlich zugänglich machen, sich jedes Mal wenn sie einen Ort betreten bei ihrem bevorzugten location-based service einchecken – weil sie keinen Sinn darin sehen, sie ihre Zeit lieber anders verbringen (beneidenswert, oder?). Auch Gutscheine und Sammelpunkte werden daran nichts ändern.

Um auf den Blogbeitrag zurückzukommen: Selbst unter den Netizens wird Öffentlichkeit nicht ‘default’ werden, solange das Veröffentlichen Aufwand erfordert (und seien es nur die erwähnten zehn Sekunden), und solange die Alternative zu diesem Aufwand darin besteht, einem Unternehmen kontinuierlich im Hintergrund Daten zukommen zu lassen (wie bei Google Latitude oder beim ’scrobbeln’ mit last.fm), vor allem aber auch so lange es bedeutet, seine Daten in die Hände von Google, Holtzbrinck oder Rupert Murdoch geben zu müssen (was es nicht bedeuten muss – aber dazu ein ander Mal mehr).

Eine veränderte Einstellung gegenüber Privatheit ändert nichts daran, dass es immer Menschen, Gruppen, Organisationen, Unternehmen und Regierungen geben wird, die Information nutzen um daraus Profit zu schlagen oder jemandem zu schaden. (Und da gesellschaftliche Entwicklungen dazu neigen, den technologischen hinterherzuhinken, wird es eine ganze Zeit dauern bis die Gesellschaft so tolerant ist wie wir offen sind. – Das ärgert mich persönlich übrigens an der Diskussion über die berüchtigten ‘peinlichen Fotos im Internet’: Dass es Menschen gibt, die jemanden, der im Glitter-Feenkostüm auf einer Party auftritt, nicht als Lehrer an der Schule ihrer Kinder haben wollen hat nichts mit dem Internet oder Privatsphäre zu tun. Und es ist nicht Facebook Schuld an den Scheidungen. Just sayin’.)

Information ist wertvoll und gefährlich. Wie wäre es also, wenn statt immer neuer Dienste, die auf immer mehr Wegen immer mehr Daten über immer mehr Bereiche unseres Lebens sammeln (Beispiel blippy) mal einer entwickelt würde, der uns hilft unsere Daten zu schützen, uns ermöglicht, weiterhin online unser Leben zu teilen und mitzuteilen – ohne befürchten zu müssen, dass Sportverein, Arbeitgeber, Partner oder Familie erfahren, was sie nicht erfahren sollen?
Warum nicht ein paar Dollar monatlich zahlen, um Gewissheit zu haben, dass ein Dienstleister meine Daten nicht verkaufen muss, um sich zu finanzieren, und ich sie jederzeit löschen kann? Oder noch besser: Warum nicht endlich das dezentralisierte social network, das mir ermöglicht mein Profil selbst zu hosten und zu verwalten? (Letzteres ist leider noch Zukunftsmusik.)
So gesehen sind die neuen Facebook-Privatsphäre-Einstellungen vielleicht doch nicht so unsinnig – auch wenn man sich erst einmal Zeit nehmen muss. Jeder hat verschiedene Rollen, verschiedene Freundeskreise, verschiedene Level von Vertrautheit – um diese Granularität sozialer Beziehungen abzubilden genügt das Freund und Nicht-Freund vieler social networks nicht. Also bleibt am Ende doch nur die übliche Predigt: Bewusst entscheiden, welche Profile man verknüpft, wem man welche Informationen zur Verfügung stellt, was permanent sein darf, lernen mit Öffentlichkeit umzugehen.

Mein persönlicher Zusatz: Seid offen und ein wenig öffentlich. Das Internet ist nicht nur ein Netz von Rechnern, sondern vor allem auch eines von Menschen. – Und werdet auf keinen Fall Lehrer.

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4 Responses to “Eine Notiz zu Öffentlichkeit und Privatheit”

  1. Mathias
    Mathias Says:

    Dezentralisierte Social Networks. Word! http://webciety.de/?p=3342

  2. Tillmann A.
  3. T K
    T K Says:

    RT @tristessedeluxe: http://ping.fm/WP225 #fb

  4. Tillmann A.

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