“Content is king” – mit diesem Schlachtruf sind in der ersten New Economy Hundertschaften von teuren Redaktionen untergegangen, denn hinter jedem König muss auch ein funktionierender Machtapparat stehen, und das ist bei Content die Refinanzierung. Unabhängig davon, dass das Wort Content immer ein wenig schmierig klingt, wird in der nächsten Zeit eine Plattform zum zehnmilliardsten Mal einen digitalen Inhalt verkaufen. Die Rede ist vom iTunes Music Store, der gar nicht mehr so heisst, sondern sich seit Ende 2006 iTunes Store nennt, weil er inzwischen nicht mehr nur Musik verkauft, sondern auch Videos, Serien, Filme und seit dem iPhone auch mobile Software.
Gleichzeitig ist eine eher wenig beachtete Meldung in meinen Augen von höchster Relevanz – iTunes wird nicht mehr nur ein Client sein, also ein eigenes Programm auf dem Rechner, sondern auch über das Netz im Browser zu erreichen sein. Man könnte das natürlich den immer wichtiger werdenden Netbooks zuschreiben, die einen Großteil ihrer Funktionalität ins Netz, in die “Cloud” verlagern. Ich glaube aber, dass zusammen mit dem vermutlich Ende Januar vorgestellt werdenden Apple Tablet diese Mosaikstückchen ein anderes Bild ergeben könnten. Ein größeres, ein strategisches, ein in Teilen durchaus problematisches:
Es wäre ein genialer Schachzug von Apple, iTunes mit Safari zu verschmelzen, also iTunes zu einem eigenen Browser (oder einer browserähnlichen Anwendung) zu machen.
Warum?
Wenn man davon ausgeht, dass jeder Nutzer des iTunes Store im Schnitt 100 Songs gekauft hat (nach meiner Abschätzung durchaus angemessen), dann ergibt sich, dass der iTunes Store eine Nutzerbasis von 100 Millionen Menschen hat – und vor allem auch deren Kreditkartendaten (oder andere Payment-Daten). Noch dazu handelt es sich vermutlich um den netz- und medienaffinsten sowie zahlungskräftigsten Teil der Internetnutzer.
Von jetzt auf gleich könnte Apple mit diesem Schachzug das für Bezahlinhalte relevante Micropayment internetweit ändern. Wir erinnern uns: das zentrale Erfolgskriterium des iTunes Store, also dort, wo schon lange erfolgreich digitaler Content verkauft wird, ist neben der Sicherheit die extreme Einfachheit, gerade in der Bezahlmethode.
In einem von Apple kontrollierten Browser, dessen Nutzer ihre Kreditkartendaten (oder andere Payment-Systemdaten) hinterlegt haben, würde das Paid Content-Problem der Verlegerlandschaft weltweit schnell andere Formen annehmen. Von einem “iTunes für Magazine” wird nebulös schon länger gesprochen. Leicht lässt sich technisch erreichen, dass etwa in Form eines Freemium-Modells in normalen Browsern nur ein Teil der Seite angezeigt würde – und ansonsten zur Benutzung des iTunes-Browsers samt Bezahlfunktion aufgerufen würde.
Und dort passiert das Wunder. Genau so einfach, wie ich mit einem Klick einen Song kaufe, abonniere ich dort mit einem einzigen Klick eine Zeitung. Oder kaufe einen einzelnen Artikel. Ich glaube, dass das gar nicht so wenige Menschen tun würden, wenn es eben so einfach ist wie bei iTunes gewohnt und so sicher, wie sich iTunes bisher anfühlt.
Natürlich sind auf dem Weg in diese Apple-Zukunft einige Fallstricke vorhanden. Unter anderem ist ja noch gar nicht klar, ob die Masse der Nutzer überhaupt bezahlen werden für journalistische Inhalte. Wenn das aber irgendjemand tun sollte, werden diese Menschen unter denjenigen zu finden sein, die sowieso schon für Inhalte Geld bezahlen, also den iTunes-Store-Nutzern. Eine andere Sollbruchstelle dürften die Verhandlungen mit den Inhalte-Anbietern sein, aber auch hier hat Apple zwei Vorteile: sie sind gestählt durch die extrem zähen Verhandlungen mit der Musikindustrie. Und vielen Verlagen steht gleichzeitig die Panik in den Augen und das Wasser bis zum Hals, was so ziemlich die ungünstigste Verhandlungsposition ist, die man sich ausdenken kann.
Das Gesamtszenario ergibt ein beeindruckendes Bild: Apple würde mit dem iPhone, einem möglichen Tablet und dem iTunes Browser Hard- und Software beherrschen, um Inhalte innerhalb eines weitgehend geschlossenen Systems als Produkt anzubieten. Neben den vorhandenen Produkten wären zunächst digitale Bücher und Magazine die Lockvögel, schliesslich würde das digitale Produktfeld auf alle Contentarten erweitert – im Unterschied etwa zu E-Books oder Musikdateien auch diejenigen, die sich gewissermaßen beim Kunden aktualisieren. Eine Art Parallelnetz, von Apple kontrolliert, würde aufgebaut – das ist einer der Gründe, weshalb 2010 Netzneutralität das wichtigste netzpolitische Feld werden dürfte.
Genau mit der Kombination aus einem geschlossenen System mit Hardware, Software und supereinfachem Payment hat Apple bereits drei Märkte aufgerollt; den Musikmarkt, den Videomarkt und mit dem iPhone auch den Markt für mobile Software – der vorher in der Fläche schlicht nicht existierte. Warum nicht also das gleiche Kunststück nochmal mit Paid Content versuchen?
Anmerkung: dieser Artikel ist wie die meisten Beiträge über Apples zukünftige Schritte stark vermutungsorient.

Januar 5th, 2010 at 18:45
Erschreckend und faszinierend zugleich: Wie Apple alles verändern könnte – Paid Content revisited | webciety http://bit.ly/5rP0W1 #fb
Januar 5th, 2010 at 19:18
[...] Sascha Lobo schreibt einen lesenswerten Artikel in der CeBIT webciety und verbindet die Frage mit dem herannahenden Erscheinen von Apples Tablet-PC/iSlate sowie der [...]
Januar 5th, 2010 at 19:33
hat schon jemand »songbird« gesagt? das ist quasi bereits (musik)player und browser in einem. auf mozilla-basis (daher imho leider auch etwas schwerfällig). hypemachine, jamendo etc sind da sozusagen schon eingebaut und dank firefoxmäßiger skin- und extension-stöpselei ist das ding im prinzip perfekt gedacht. irgendwie kriegt der vogel aber die füße nicht vom boden, scheint mir. weiß jemand genauer warum?
Januar 5th, 2010 at 19:47
“dieser Artikel ist wie die meisten Beiträge über Apples zukünftige Schritte stark vermutungsorient.” -> Der Teil des Artikels leuchtet mir am meisten ein. Es ist ja eine nette Horrorvision vom Apple-Browser mit Münz-Slot, die hier entworfen wird, Realität wird sie aber imho auf gar keinen Fall, schon allein, weil sich die “Art Parallelnetz” in Sachen Logik komplett damit beisst: Würden dann auf einer Mainstream-Webseite mit dem Apple-Browser Kaufinhalte erscheinen, mit anderen Browsern surfte man aber ganz daran vorbei? Völlig unrealistisch. Und wenn es doch wieder mit allen Browsern geht: Was hat das dann noch mit Parallelrealität zu tun?
Januar 5th, 2010 at 19:49
Wie Apple wieder mal alles verändern könnte – Paid Content revisited http://bit.ly/5rP0W1
Januar 5th, 2010 at 19:51
Paid Content, iTablet, iTunes Store – eine mutige Vermutung zu Apples Plänen http://j.mp/itunes_store #webciety /via @saschalobo
Januar 5th, 2010 at 20:11
Mit einem normalen Browser kommt man bis zu dem Punkt “ganzen Artikel lesen”. Dann möchte der iTunes-Browser angeworfen werden. Oder alternativ: eine PlugIn-Landschaft, die etwa aus dem Firefox einen iTunes-Browser mit entsprechendem LogIn macht.
Die Frage vom Parallelnetz stellt sich genau dann, wenn 100.000 zahlende Nutzer willkommen geheissen werden und alle anderen mit anderen Browsern ohne iTunes-Login nichts mehr oder nur einen kleinen Teil sehen. Bei einem Kooperationspartner ist das egal, bei tausenden ist das anders.
Zum Thema “unrealistisch” steht da ja extra “vermutungsorientiert” – trotzdem halte ich es nicht für ausgeschlossen. Hätte man etwa vor drei Jahren gedacht, dass Apple innerhalb eines Jahres zum weltgrössten Händler für mobile Software wird?
Januar 5th, 2010 at 20:44
Finde ich gar nicht so unrealistisch – für eine “Horrorvision” halte ich es nicht, weil ich nicht glaube, das damit ein “Parallelnetz” entstünde. Dieses “Parallelnetz” wäre doch nur ein großer Internet-Kaufladen, den man eben nur mit dem iTunes-Browser betreten kann. Das geschlossene System würde dafür sorgen, dass das ganze so einfach und sicher wäre. So lange Apple mir meine anderen Browser nicht verbieten würde, könnte ich damit leben.
(Falls Apple das nicht sowieso schon vorhatte, werden wahrscheinlich spätestens jetzt in Cupertino hektische Anrufe getätigt
.)
Januar 5th, 2010 at 22:13
@Sascha:
Würde man die Contents nur online geniessen können? Kein Download mehr? Kein Offline-Lesen des Magazin/eBook/whateva? Das wär nix.
Wenn doch per Download, gilt es allerdings wieder die Angst der Content Provider vor den Raubkopierern zu bekämpfen…
Januar 5th, 2010 at 22:56
[...] Wie Apple wieder mal alles verändern könnte – Paid Content revisited | webciety [...]
Januar 5th, 2010 at 23:21
Was hat das mit der Netzneutralität zu tun? Apple stellt die Hardware samt AppStore und iTunes store. Apple stellt doch nicht das Netz. Probleme mit der Netzneutralität hat’s am iPhone nur gegen weil T-Mobile und Co. das Skype nicht zulassen wollten.
Januar 6th, 2010 at 01:16
Wie Apple wieder mal alles verändern könnte – Paid Content revisited | webciety http://ff.im/-dQJ6K
Januar 6th, 2010 at 15:28
Die Details habe ich absichtlich herausgelassen (@Tom), um eher übergeordnete Vermutungen aussprechen zu können. Das jede mögliche neue Entwicklung ihre ganz eigenen, neuen zwei Dutzend Probleme mit sich bringt – ja, ich fürchte, das ist dem Grenzbereich zwischen Technologie, Kultur und Gesellschaft in die Wiege gelegt.
Mit Netzneutralität könnte es eine ganze Menge zu tun haben – zum Beispiel in dem Moment, wo die Bereitstellung der Inhalte ausschließlich von Apple kontrolliert wird. Siehe hierzu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Netzneutralität
(insbesondere den Abschnitt “Verletzungen der Netzneutralität”)
Januar 6th, 2010 at 15:29
Eine hübsche Idee und Vision. Aber um noch eine Vermutung hinzu zu fügen: den News wird es wohl etwas schwerer fallen in der Attraktivität von Musikstücken gleich zu ziehen. Auch wenn ich es dem Konzept wünschen würde zu bestehen oder irgendeinem Modell, das sich derzeit in Beta- oder Probephase befindet:
http://bit.ly/8cai4f
Januar 6th, 2010 at 15:33
Der Safari-iTunes-Verschmelzungsgedanke ist spannend »Wie Apple wieder mal alles veränder könnte – Paid Content revisited« http://ow.ly/Tiwa
Januar 7th, 2010 at 13:13
Jedenfalls kommt langsam Fahrt auf:
http://www.blioreader.com/faq.html
Januar 8th, 2010 at 13:31
Nun ja, die für die Parallelnetze unrealistisch sind, sollten mal ein Auge auf Facebook, (StudiVz), iTunes und co werfen und mal ganz nüchterne Prognosen mit einer Kreativmethode nach z.B. “de Bono” entwerfen, sprich neutral, objektiv, aus verschiedenen Blickwinkeln, nicht einfach nur wunsch-/vermutungsorientiert oder überaus kritisch.
Wenn man jetzt bei Facebook, Apple und co in der Innovationsabteilung sitzen würde, dann könnte man sehen, was in 2-3 Jahren Wirklichkeit ist. Kein flaches “ansurfen” von benutzerunfreundlichen Domains mehr. Der User bekommt das was er möchte (Musik, Feeds) wo er möchte (Handy, Browser, TV). Und das geht nur gegen Bezahlung, und das geht nur mit Micropayment, und das geht nur mit “eigenen” Systemen, wie z.B. Facebook, iTunes und co… Daher würde ich dem Artikel voll und ganz zustimmen, wenn es nicht sogar noch krasser werden könnte.
Januar 12th, 2010 at 22:11
Weder Horrorvision noch weit hergeholt. Gruner + Jahr grübelt ja schon einzusteigen und ich denke das werden sie, ja müssen sie auch. Print hat Lungenentzündung und Paid Content wie auf den Kindles und dieser merged Itunes Vision wäre das Penicilin….aber lindert es nur das Symptom oder tatsächlich die Ursache?
Januar 28th, 2010 at 01:43
[...] course, we have the iTunes store built right into the iPad.” (–> das erinnert mich stark an die Vision von Sascha Lobo auf den Webciety Blog, auch wenn es nicht die direkte Verknüpfung mit Itunes Store, Safari und dem [...]