Printmedien sind nicht mein Ding. Seitdem ich regelmäßig online bin, erreichen mich Nachrichten und Informationen auf dem Bildschirm – und nicht auf Papier. Ich will nicht erst in der Tageszeitung vom Freitag die Ergebnisse der Champions-League-Spiele vom Mittwoch erfahren müssen, nur weil es den Redaktionsschluss um 22 Uhr gibt. Ich möchte die für mich relevanten Informationen erfahren, wann ich es will – also im Idealfall in dem Moment, in dem sie entstehen.
Die letzte Tageszeitung, die ich täglich in den Briefkasten geliefert bekommen habe, war im Jahr 2004 die Berliner Zeitung. Ich bekam sie 14 Tage lang kostenlos zugeschickt. Auch in der Zeit davor hielt ich höchstens dann Printmedien in den Händen, wenn ich entweder ein Probeabo (Spiegel, Tagesspiegel, Brand Eins, usw.) abgeschlossen hatte oder einmal alle vier Wochen im Magazinteil der Samstagausgabe der Berliner Zeitung blätterte, die meine Mutter abonniert hatte, weil sie so günstig an ein Jahresticket für die BVG kam.
Schon damals hatte das Produkt Papierzeitung für mich also kaum Relevanz.
Wenige Tage, bevor sich die webciety auf dem Panel “Medien & das Web 2.0” mit dem Thema beschäftigt (Gäste sind unter anderem der Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, und der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke), habe ich mich dazu entschlossen, einen Test durchzuführen.
Ich probiere sechs Tage lang niiu aus. Niiu ist “Deutschlands erste individualisierte Tageszeitung”, die seit November 2009 die Vorteile der Nachrichtenbeschaffung online (freie und schnelle Wahl der Informationsquellen) mit dem Vorteil der Papierzeitung (Nachrichten auf Papier) verbinden möchte, indem jeder Abonnent die Inhalte seiner Tageszeitung selbst zusammenstellen kann.
“Deine niiu könnte also aus dem Wirtschaftsteil des Handelsblatts, dem Sportteil aus der Bild und dem Kulturteil des Tagespiegels bestehen oder vielleicht möchtest Du ausschließlich über Politik informiert werden und Dir dabei einen internationalen Überblick verschaffen. Es stehen Dir alle Möglichkeiten offen und Deine Auswahl kannst Du täglich neu kombinieren.”
Das will ich genauer wissen.
Am 24. Februar erschien die 100. Ausgabe von niiu – der perfekte Anlass, um mir das Prinzip “individuelle Tageszeitung” mal genauer anzusehen und mir einen Eindruck darüber zu verschaffen, ob niiu einen Beitrag zur Rettung der Printmedien leisten kann. Oder ob niiu nur eine Spielerei mit einem beknackten Namen ist, die keine Zukunft hat.
Die Konfiguration:
Ich beginne meinen Test auf niiu.de durch den Klick auf “6 Tage kostenlos testen”. Als erstes erfahre ich, dass ich die Konfiguration meiner persönlichen Zeitung bis 14 Uhr abgeschlossen haben muss, damit sie am nächsten Morgen im Briefkasten sein kann. Auf die Aktualität der Artikel soll sich das nicht auswirken. Ich hebe leicht irritiert die Augenbraue, fahre aber fort.
Auf der Folgeseite muss ich meine Postleitzahl eingeben, da niiu bisher nur in Berlin verfügbar ist. Ich habe Glück, denn laut meiner Postleitzahl wohne ich in Berlin.
Im folgenden Schritt habe ich die Wahl zwischen einer Blanko-Vorlage für meine Ausgabe und einer vordefinierten Ausgabe basierend auf einem Themengebiet (Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur, International), das mich interessiert. Ich entscheide mich für die Blanko-Vorlage.
Nun geht es konkret los und ich kann die neun Ressorts (u.a. Titelseite, Seite 2&3, Politik, Meinung, Sport, Feuilleton) befüllen. Dazu klicke ich das gewünschte Ressort an und wähle die Tageszeitungen aus, die meine persönlichen Ressortseiten befüllen sollen. Ich beginne mit meinem Ressort Titelseite und entscheide mich für die Tageszeitungen Tagessspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt.
Noch ist mir nicht ganz klar, ob ich in meiner individuellen Zeitung eine Titelseite bekommen werde, die aus den vier gewählten Titelseiten zusammengestellt wird oder ich die vier Titelseiten der Zeitungen bekomme und sich mein persönliches Ressort Titelseite über mehrere Seiten erstreckt. Verwirrend. Ein Infofeld verrät mir jedoch, dass die Seitenanzahl der unterschiedlichen Ressorts variieren kann, daher vermute ich, dass ich in meiner persönlichen Tageszeitung am nächsten Tag vier Titelseiten bekommen werde. Klingt erstmal komisch, aber ich harre einfach den Dingen, die da bald in meinem Briefkasten liegen.
Ich hangele mich nach dem gleichen Prinzip durch die anderen Ressorts. Da ich nicht genau weiß was es bedeutet, entscheide ich mich immer, wenn ich bei einer Zeitung eine Auswahl zu “Ich wünsche … Seite(n) dieses Ressorts” treffen muss, für die Antwort “2″.
Beim Ressort Feuilleton überkommt es mich kurz und ich wähle die BILD und Neues Deutschland.
Nachdem ich die Auswahl der Ressorts und Zeitungen abgeschlossen habe, suche ich einige Zeit nach einem Weiter-Button, den ich dann recht unscheinbar rechts am Rand der Navigation finde.
Auf der Folgeseite kann ich Internetinhalte auswählen. Ich bin kurz irritiert, denn ich dachte ich wäre bereits fertig, meine Zeitung zusammenzustellen, klicke mich aber dann doch durch die Ressorts, die jetzt Themen heißen und die Quellen, aus denen ich die Inhalte erhalten möchte. In den Auswahlfeldern entscheide ich mich aus Ahnungslosigkeit bei der Anzahl der Artikel pro Quelle für “keine Einschränkung” und “2 Tage” beim maximalen Alter der Nachrichten.
Mit einem Klick auf “Weiter” komme ich zur Layoutwahl. Dort kann ich meiner Zeitung einen Namen geben, sowie eine Grußbotschaft und ein Motto einfügen. Das ist schnell gemacht. Zusätzlich können Gadgets per Drag&Drop auf freie Felder der Zeitung gelegt werden. Ich ziehe das Wettergadget (mit Berlin als Ort) einmal und das Sudokugadget neun Mal (Schwierigkeitsstufe schwierig bis sehr schwierig) auf die weißen Flächen meiner Zeitung. Zuletzt wähle ich noch die Farboption “niiu Antenna rot” als Layout für meine Zeitung. Nach der Bestätigung, dass alle Inhalte, die ich dort hochlade, keine Rechte von irgendwem verletzen, klicke ich erneut auf “Weiter”.
Mittlerweile ist fast eine halbe Stunde vergangen, seitdem ich den Test begonnen habe. Ein Ende ist aber zum Glück abzusehen. Nun wähle ich aus den angebotenen Bestelloptionen den Punkt “Verabredet” aus, was mir sechs kostenlose Ausgaben der niiu bescheren soll. Ein letzter Klick auf “Weiter” bringt mich zur Abfrage der persönlichen Daten und nachdem das erledigt ist, klicke ich auf “Bestellen” und … lande wieder auf der vorherigen Seite. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung bemerke ich, dass ich nicht das Wort “Bestellen”, sondern den Pfeil direkt daneben angeklickt habe, der mich wieder in der Navigation zurückgebracht hat. Also wieder zurück auf die richtige Seite, noch einmal das Passwort eintragen, auf “Bestellen” klicken und … ich bin fast fertig. Denn zum Abschluss des Bestellprozesses muss ich noch schnell meine Emailadresse validieren und mein Benutzerkonto aktivieren.
Nun ist es endlich geschafft. Es hat gut eine halbe Stunde gedauert, bis ich meine Wunschzeitung zusammengestellt hatte. Zum Glück muss ich das jetzt nicht jeden Tag machen, denn wenn ich keine Änderungen an der Konfiguration vornehme, wird meine individuelle Tageszeitung immer nach dem gleichen Schema zusammengestellt.
Die Navigation durch die Konfigurierung ist auf jeden Fall verbesserungswürdig, den das Navigationsmenü und vor allem die “Weiter”- und “Zurück”-Button verlieren sich zwischen Seitenheader und Content ziemlich. Die Konfiguration an sich lässt sich gut durchführen, auch wenn der absolute Neuling (in diesem Fall ich) nicht auf Anhieb bei allen Schritten weiß, was er tun muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten (siehe Auswahlmenüs bei den Internetinhalten).
Die Zeitung in der Hand:
Am nächsten Tag hole ich meine niiu aus dem Briefkasten und bin erstmal kurz verwundert, wirklich eine echte Tageszeitung in der Hand zu halten. Keine Ahnung was ich erwartet habe, aber dass ich wirklich weniger als einen Tag nach der Konfiguration echtes Zeitungspapier in der Hand halte, das ich selbst zusammengestellt habe, überrascht mich im ersten Moment.
Schon beim ersten Blick auf die Titelseite fällt mir negativ auf, dass die Werbung von Seite 2 sehr stark durchscheint. Als ich die Zeitung aufschlage, sehe ich, dass ich auf fast jeder Seite die gegenüberliegende Seite erkennen kann. Ist das Papier der niiu dünner oder ist das bei jeder Tageszeitung so auffällig?
Inhaltlich fallen mir nach dem “Bild des Tages”, das fast ein Drittel der Titelseite einnimmt, zuerst die Sudokus auf, die ich reichlich auf der Titel- und Rückseite meiner persönlichen Zeitung verteilt habe.
Die Artikel meiner Titel- und Rückseite bestehen komplett aus Pressemitteilungen des Presseportals. Mir wird schnell klar, warum, denn bei der Konfiguration habe ich den Fehler gemacht, die Anzahl der Artikel bei den Internetinhalten in den Auswahlfeldern nicht zu beschränken. So bekomme ich nicht einen einzigen Artikel der sieben anderen von mir ausgewählten Internetquellen zu lesen, weil für sie einfach kein Platz mehr ist.
Auf meiner persönlichen Seite 2 springt mir eine große BILD-Werbung entgegen. Ab der Seite 3 beginnt meine individuelle Auswahl der Zeitungen und Ressorts mit den Titelseiten von Tagesspiegel, taz, New York Times und Handelsblatt. Danach folgen, sortiert nach meinen Präferenzen, die weiteren Ressorts der Tageszeitungen, die ich ausgewählt hatte. Es stört mich etwas, dass die Seite 2 und Seite 3 des Tagesspiegels nicht auf gegenüberliegenden Seiten meiner niiu liegen, so dass ich parallel zum Zeitungsblättern den Browser öffne, um die Konfiguration meiner Zeitung anzupassen. Ich verschiebe einige Elemente meiner Zeitung, so dass zusammengehörige Inhalte (wie Seite 2 und Seite 3 einer Tageszeitung) auch wie gewohnt zusammen stehen.
Einige der Vorteile der niiu, einzelne Ressorts aus verschiedenen Zeitungen auszuwählen, werden bei genauerer Betrachtung zu einem kleinen Nachteil. Zwei Beispiele:
Man bekommt in seiner persönlichen niiu nie einzelne Artikel oder Themenkomplexe, sondern immer 1:1-Kopien von Seiten der gewählten Zeitungen angeboten. Wird also in einer Zeitung wie dem Tagesspiegel auf Seite 2 ein Thema begonnen und im hinteren Teil der Zeitung fortgeführt (was öfter mal passiert), hat man als niiu-Leser in den meisten Fällen Pech, da man vorher nicht erahnen kann, auf welcher Seite in welchem Ressort ein Artikel oder eine Artikelserie fortgesetzt wird.
Auf beinahe jeder Seite der individuellen Zeitung trifft man auf ein unterschiedliches Seitenlayout, wenn man seine Zeitung nach Ressorts sortiert und nicht alle Ressorts einer Zeitung hintereinander geordnet hat, bevor man ausgesuchte Teile einer anderen Zeitung zu lesen beginnt. Das macht das Lesen der niiu unruhig, weil sich die Augen ständig an die verschiedenen Spaltenbreiten, Schriftarten und Schriftgrößen der einzelnen Zeitungen gewöhnen müssen.
Das Fazit:
Nach zwei Testausgaben konnte ich mir ein gutes Bild der niiu machen, um mir eine Meinung zum Konzept und den Chancen der individuellen Tageszeitung zu bilden. Ich kann die Argumentation derjenigen nachvollziehen, die Nachrichten, Reportagen und Hintergrundberichte lieber in einer Papierzeitung lesen und sich vehement gegen den Tod der Printmedien stemmen. Es fühlt sich echter an, eine Zeitung in der Hand zu halten und darin zu lesen. Genauso, wie es sich für Vinylliebhaber anfühlt, wenn sie eine Schallplatte auflegen, anstatt eine MP3 mit einem Doppelklick zu starten.
Die Nachteile überwiegen aber eindeutig.
Niiu ist für mich eine nette Spielerei, die ich gern mal für ein paar Tage getestet habe, mir aber keinerlei langfristigen Mehrwert bietet. Es bringt mir nichts, am Donnerstag Vorschauartikel zu Sportereignissen zu lesen, die bereits am Mittwoch abend stattgefunden haben. Ich bin nicht bereit, monatlich mehr als 20 Euro für veraltete Informationen auszugeben, die ich online schneller, übersichtlicher, interaktiver und vor allem kostenlos erhalten kann.
Gute und meinen normalen Informationshorizont erweiternde Artikel, Berichte und Reportagen, über die ich in einer Tageszeitung hin und wieder zufällig stolpere, finde ich auch im Internet. Nein, es muss heißen: sie finden mich. Ich folge in verschiedenen sozialen Netzwerken (wie z.B. Twitter) vielen Leuten, die mir täglich eine Vielzahl von guten Artikeln empfehlen, die ich gern lese. Gute journalistische Inhalte erreichen mich, ich muss nicht mal aktiv danach suchen.
Niiu hat für jemanden wie mich, der sich in der Regel online informiert, keine langfristige Bewandnis. Das Alleinstellungsmerkmal hat kurzzeitig Charme, wird mich aber unter keinen Umständen dazu bringen, für niiu Geld auszugeben. Beinahe jedes Argument pro niiu kann ich durch ein Argument pro online komplett entkräften. Zum Beispiel: Die Titelseiten verschiedener Tageszeitungen direkt aufeinanderfolgend in einer selbst zusammengestellten Zeitung zu haben, ist nett und guckt sich beim ersten Mal auch nett an. Wenn man aber das gleiche auch online haben und dort nicht nur aus knapp einem Dutzend, sondern aus über 800 Tageszeitungen auswählen kann, wird aus dem “nett” schnell die kleine Schwester von “Scheiße”.
Rentner Nostalgiker Zeitungsleser, die nicht auf ihre Tageszeitung verzichten wollen und sich gern ihre eigene Mischung aus verschiedenen Informationsquellen zusammenstellen möchten, finden bei niiu eine gute Alternative. Neue Zeitungsleser wird das niiu-Prinzip allerdings nicht anlocken. Vielleicht, aber nur vielleicht, überlege ich mir meine Meinung nochmal, wenn die Zeitung der Zukunft so aussieht.
Auf die täglichen Sudokus auf Papier werde ich allerdings wirklich ungern verzichten.

Februar 27th, 2010 at 13:41
Ich teste Print: http://webciety.de/?p=3904
März 4th, 2010 at 22:38
[...] Ein kleiner Erfahrungsbericht über niiu von Björn Schulze auf webciety.de [...]
März 6th, 2010 at 17:12
[...] Die individualisierte Tageszeitung Niiu im Test (TRB-Vorstellung im November) [...]
März 6th, 2010 at 19:54
Wie war das noch mit der inzwischen vielfach variierten Weissagung der Cree http://bit.ly/cZNDRn
Erst wenn der letzte Kiosk pleite ist,
die letzte Rotation gestoppt wurde
und der letzte echte Journalist auf Hartz IV ist -
wenn die ersten Fische in alten Laptops verpackt werden,
werdet ihr merken,
dass euch das heimelige Rascheln beim Frühstück
am ruhigen Sonntagmorgen bitter fehlt …
März 18th, 2010 at 09:35
Ich glaube es wird zwar eine Markbereinigung bei den Tageszeitungen geben, “aussterben” werden sie aber nicht. Jedesmal als eine neues Medium auftauchte (Radio, Fernsehen) hat man geblaubt das ist das Ende der Zeitungen, und es gibt sie immer noch, daran wird mittelfristig auch das Internet nichts ändern.
Juli 12th, 2010 at 00:18
[...] Erfahrungsbericht von Björn Schulze: Kann “Baue Deine eigene Tageszeitung” die Printmedien retten? [...]